Novemberpogrom


Am 3. November 1938 erfuhr der in Paris lebende siebzehnjährige Herschel Grynszpan, dass seine Eltern und seine beiden Geschwister als polnische Juden über die polnisch-deutsche Grenze abgeschoben und in erbärmlichen Flüchtlingslagern bei Zbąszyń zusammengepfercht worden waren. Daraufhin verübte er am 7. November ein Schussattentat auf den zweiten Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst von Rath. Dessen Tod am 9. November diente den nationalsozialistischen Machthabern als willkommener Vorwand für eine groß angelegte „Racheaktion“. Die Zerstörung der Synagogen war das äußere Zeichen der Verschärfung der antijüdischen Politik des Jahres 1938.

Um etwa 22:30 Uhr erhielten alle NS- Dienststellen telefonisch die Anweisungen antijüdische Aktionen durchzuführen. Als die SS-Standarten 89 und 11 am 10. November zwischen vier und sechs Uhr Früh ausrückten, um die Wiener Synagogen und Bethäuser zu zerstören, hatten Parteiformationen – SA, HJ und politische Führer – schon damit begonnen. Einige Synagogen und Bethäuser waren bei der Ankunft der SS bereits völlig zerstört, bei anderen brachte sie die „Arbeit“ ihrer Vorgänger zu Ende. Nach einem Spezialbericht des Sicherheitshauptamts über die „Aktionen gegen israelitische Bethäuser in Wien“ wurden von der Nacht des 9. bis in die Morgenstunden des 10. November insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser „größtenteils restlos zerstört“, wobei die meisten zuerst mit Handgranaten gesprengt und dann in Brand gesteckt worden waren. Die restlichen der insgesamt 96 jüdischen Gotteshäuser in Wien wurden fast ausnahmslos geplündert und verwüstet. Neben den Zerstörungen von Synagogen und Bethäusern wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und verwüstet. Mehrere tausend Personen wurden verhaftet. Der von den Nationalsozialisten zynisch geprägte Begriff der „Reichskristallnacht“ bezieht sich auf das zerbrochene Glas, das nach den Plünderungen und Zerstörungen die Straßen bedeckte und für die Opfer zum Symbol des erlebten Terrors wurde.

Zerstörte und verwüstete Synagogen und Bethäuser laut Feuerwehrbericht
vom 10. November 1938

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A / 2., Schiffamtsgasse 5, Bethaus Ojse Chesed
B / 2., Tempelgasse 3 (Mohaplgasse), Leopoldstädter Tempel
C / 2., Zirkusgasse 22, Türkischer Tempel
D / 2., Große Schiffgasse 8, „Schiffschul“
E / 2., Franz Hochedlingergasse 8, Bethaus Mikdosch M’at
F / 2., Pazmanitengasse 6, Pazmanitentempel
G / 2., Malzgasse 16, Beth Hamidrasch Talmud Thora
H / 3., Untere Viaduktgasse 13, Beth Hachneseth Synagoge
I / 3., Steingasse 18, Bethaus Obere Landstraße
J / 6., Schmalzhofgasse 3, Schmalzhoftempel
K / 6., Stumpergasse 42, „Stumper Schul“
L / 9., Müllnergasse 21, Müllnertempel
M / 15., Turnergasse 22, Turnertempel
N / 20., Kluckygasse 11, Kluckytempel
O / 16., Hubergasse 8, Hubertempel
P / 18., Schopenhauerstraße 39, Schopenhauertempel

5., Siebenbrunnengasse 1a, Siebenbrunnentempel (nicht abgebildet)
10., Humboldtgasse 27, Humboldttempel (nicht abgebildet)
11., Aufbahrungshalle am Zentralfriedhof 1. Tor (nicht abgebildet)
13., Eitelberggasse 22, Neue-Welt-Synagoge (nicht abgebildet)
21., Holzmeistergasse 12, Floridsdorfer Tempel (nicht abgebildet)
24., Enzersdorferstraße 6, Synagoge Mödling (nicht abgebildet)
25., Karlsgasse 390, Synagoge Atzgersdorf (nicht abgebildet)

Weitere zerstörte und verwüstete Synagogen (Auswahl):
Q / 1., Seitenstettengasse 4, Stadttempel
R / 2., Leopoldsgasse 29, „Polnische Schul“
S / 2., Hollandstraße 2 / Obere Donaustraße 89, Bethaus Livias Chen
T / 8., Neudeggergasse 12, Neudeggertempel
U / 20., Kaschlgasse 4, Bene Berith Synagoge

11., Zeremonienhalle am Zentralfriedhof 4. Tor (nicht abgebildet)
19., Dollinergasse 3, Dolliner Tempel (nicht abgebildet)